Berichte

  Brückenhofmuseum


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Bericht aus "Jüdische Allgemeine"
Aus Wohnzimmer und Synagoge Königswinter:
Museum zeigt jüdisches Leben damals und heute

Ins Gästebuch haben sich die „Ritter wider den quälenden Durst“ eingetragen; ein Teenager hat ein wahres Kompliment hineingeschrieben: „Zeitzeuge=cool“. Das gilt Günter Steeg, der oft Gäste durch die Sonderausstellung „Jüdisches Leben im Rheinland“ im kleinen Brückenhof-Museum von Königswinter-Oberdollendorf führt. Einige der Exponate erzählen seine eigene Geschichte und der seiner Großmutter, Caroline Levi. Steeg hielt sich mit seiner Mutter monatelang in einem Keller vor den Nazis versteckt, nachdem der Dorfpolizist ihnen einen Tipp gegeben hatte. Die Großmutter Levi kam im KZ ums Leben.

Ins idyllisch gelegene Fachwerkhaus am Fuße der Weinberge und des Siebengebirges kommen Touristen, Familien, Schulklassen sowie Karnevals- und Kegelvereine, die etwas Kultur mitnehmen wollen, bevor sie das Wochenende in einem der nahen Gasthöfe abrunden. Knapp ein Jahr gibt es schon die Sonderausstellung, die noch bis September zu sehen sein wird. „Für ein kleines Museum auf dem Lande einmalig“, sagt Leah Rauhut-Brungs, Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Bonn. Als Mitorganisatorin ließ sie sich einiges einfallen: Zu Sukkot lockte sie die Wanderer mit Äpfeln, Honig und kosherem Wein ins Museum und die selbstgebaute Laubhütte. Zu Chanukka gab es israelischen Punsch für die Großen und einen Zauberer für die Kleinen. Bald ist Pessach: Da wird Mazze und Maror für die Besucher zubereitet. Die Bessomim-Büchse wird regelmäßig mit Gewürzen nachgefüllt, damit man den Geruch des Sabbats frisch in der Nase hat.

Riechen, fühlen, schmecken: Das hat sich bewährt, sind sich Rauhut-Brungs und Museumsdirektor Lothar Vreden einig. An den jüdischen Festtagen sei das Haus rappelvoll gewesen, aber auch so hätten sich einige Tausend die Ausstellung angeschaut. Neben dem sinnlichen, jedoch informativen Konzept sei noch etwas ganz wichtig, sagen die beiden: „Wir haben die Betonung auf das Leben gesetzt“. Nicht die Shoa sollte im Mittelpunkt stehen, sondern das jüdische Leben früher und heute.

Die ehrenamtlichen Museumsvereinsmitglieder saßen lange in den Archiven, um herauszufinden, wie die Juden in Königswinter im Stichjahr 1928 hießen, wer wen heiratete, welche Berufe ausgeübt wurden, welche Häuser ihnen gehörten und wie sie den Besitzer wechselten. „Indem der Blick nur auf die Zeit zwischen 1933 und 1945 gerichtet wird, wird völlig ins Vergessen geschoben, was das jüdische Leben ausgemacht hat“, sagt Rauhut-Brungs. „Dieser Reichtum hier an jüdischen Winzern, an jüdischen Kleinbauern, an Landleuten, das ist entschwunden und das ist eigentlich die Tragik“.

In der Welt der rheinischen Dörfer gehörten die Juden selbstverständlich dazu. In einer Vitrine steht ein silberner Kuchenteller: ein Hochzeitsgeschenk der Levis für ihre christlichen Nachbarn. Ein Herr namens Apfel hatte den Schützenverein im Ort mitgegründet, ein Süßkind wurde noch 1932 Schützenkönig. Die jüdische Gemeinde in Dollendorf lieh eine hübsche blaue Vase den Katholiken, damit sie bei einer Prozession den Altar schmückten. Die Vase blieb warum auch immer bei ihnen und dadurch erhalten, als die Synagoge zerstört wurde.

Noch immer scheuten sich die Leute zuzugeben, dass sie etwas aus jüdischem Besitz hätten, sagt Vreden, der als pensionierter Grundschullehrer praktisch jeden im Ort kennt. Das hat die Suche nach Exponaten aus Nachlässen ziemlich erschwert. Gerade hat er eine Menora als Leihgabe bekommen, aber die jetzigen Besitzer wollten nicht genannt werden. Neben aller Begeisterung für die gelungene Ausstellung gebe es auch diejenigen, die fragten: „Wann ist das hier endlich vorbei?“

Viele Ausstellungsstücke haben Leah Rauhut-Brungs und Mitglieder der Bonner Synagogengemeinde von zuhause mitgebracht: Sabbat-Leuchter, Seder-Teller, verschiedene Kippot, hebräische Lehrbücher und Spielzeug. Unter dem selbst genähten Baldachin z.B. hätten ihre Freunde geheiratet, sagt Rauhut-Brungs. Sie hat auch einen über 100 Jahre alten Ehevertrag beigesteuert: Vermählt hatte sich einer der Gründer des Bonner Beethovenorchesters.
Speziell für die Ausstellung im Brückenhof hat die Gemeinde einige Schätze aus den Schränken geholt: eine prachtvolle, wenn auch „entweihte“ Thora-Rolle, eine filigrane Zedakah-Büchse aus dem 17. Jahrhundert und eine Philippson-Bibel, illustriert von dem großen Gustave Doré. Der Rabbiner Ludwig Philippson übersetzte die hebräische Bibel zum ersten Mal ins Deutsche, als er sich in Bonn zur Ruhe setzte. Das war damals eine der ersten reformierten Gemeinden, hier wurden die Auseinandersetzungen zwischen Orthodoxen und Liberalen ausgetragen, erzählt Rauhut-Brungs. Das sei auch ein Teil der deutschen Geschichte. Jedenfalls zu schade, um in einem Schrank zu verschwinden.
Gustave Dore illustrierte die Philippson-Bibel von Oberdollendorf
Die Autorin Matilda Jordanova-Duda stellte uns ihren Artikel, den sie für die "Jüdische Allgemeine" verfasst hatte , dankenswerterweise für unsere Webseite zur Verfügung.
Der Artikel wurde - leicht gekürzt - in der Ausgabe Nr.13/07 am 29. März 2007 Deutschlandweit verlöffentlicht.
 Die Sonderausstellung 2006/2007: Jüdisches Leben in Königswinter"
 Der virtuelle Rundgang durch die Ausstellung
 Weitere Bilder und Dokumente zum Thema "Jüdisches Leben" im BRÜCKENHOFMUSEUM virtuell