Berichte

  Brückenhofmuseum

Drachenfelsbahn: Der große Unfall 1958
Am 14. September 1958 kam es zum schlimmsten Unglück in der 125-jährigen Geschichte der Drachenfelsbahn.

Siebengebirge. "An der steilsten Steigung der Strecke bekam die Bahn Fahrt wie noch nie zuvor", erzählt Werner Monschau. "Ich hatte die Bremse schon bedient. Aber das reichte nicht aus", berichtet der Bad Honnefer. Er war Schaffner im zweiten Wagen der Drachenfelsbahn. Seine Aufgabe war es, die Billetts zu kontrollieren und in seinem Waggon die Bremse zu betätigen. Die Fahrt am 14. September 1958 um 18.44 Uhr wird er nie vergessen. "Eigentlich sollte sie gar nicht mehr stattfinden. Aber auf dem Berg waren noch so viele Menschen, dass wir doch noch einmal starteten."

Für 16 Menschen wurde es die Fahrt in den Tod. "Vor allem der erste Waggon war betroffen", erinnert sich Monschau an jenen Unglückstag vor genau 50 Jahren, "dort gab es die meisten Toten und Verletzten." Plötzlich ging alles ganz schnell. Er beobachtete es vom Trittbrett aus. "Die Menschen schrieen. Einige sprangen ab. Die größte Angst hatte ich vor dem Tunnel. Hätte sich die Lok quergestellt, wäre es noch schlimmer geworden. Aber sie rutschte durch; hinter der nächsten Kurve passierte es jedoch." Werner Monschau, der damals Student war und sich ein bisschen Geld hinzuverdiente, fand sich im Graben wieder.

"Ich hatte nur ein paar Schrammen und rannte zurück zur Bergstation. Von dort aus habe ich Alarm gegeben. Die erste Frage war: Sind Tote dabei? Ich antwortete: Ja, einer zumindest." Monschau hatte den Heizer gesehen, der abgesprungen und dabei ums Leben gekommen war. Der damals 22-jährige Schaffner eilte wieder zurück zum Unglücksort. "Ich konnte aber nur wenig tun. Ich stand unter Schock", so der spätere Lehrer und Rektor der Honnefer Hauptschule und der Aegidienberger Grundschule. "Alles war abgesperrt. Das THW, die Feuerwehr, Polizei, das Rote Kreuz, Krankenwagen waren da."

Erster am Unglücksort war Gastwirt Schmitt vom "Burghof". Er hatte ein merkwürdiges Rauschen gehört und war an die Bahn gestürmt. Als er sehen konnte, dass er allein nichts ausrichten konnte, rief er die Rettungskräfte. Zurückgeeilt an die Bahn, zog er zunächst ein kleines Mädchen aus den Trümmern

"Überhaupt haben die Königswinterer geholfen, wo es nur ging", weiß auch Günter Hank zu erzählen. "Sie haben Tragen hochgebracht, Leute weggetragen. Viele Fahrgäste irrten ja durch den Wald, standen unter Schock. Ich war nicht oben an der Unglücksstelle, es war alles abgesperrt." Hank, damals 28, war mit Freunden vom Kanuclub an jenem Sonntag - "es war ein herrlicher Sonnentag" - von Hammerstein mit dem Paddelboot zurückgekehrt. "Als wir in Höhe Rhöndorf waren, hörten wir die Sirenen jaulen, die Kirchenglocken läuteten. Wir dachten, der Krieg wäre ausgebrochen. Als wir dann am Kölner Hof ausstiegen, berichteten die Leute von dem fürchterlichen Unglück."

Wie im Krieg kam sich auch Heinrich Prévot vor. Der jetzt 91-Jährige war damals Chefarzt im Königswinterer Krankenhaus. "Innerhalb von zwei Stunden hatten wir zwischen 80 bis 100 Verletzte." Rund um die Uhr arbeiteten die Ärzte und Schwestern, bemühten sie sich, die Patienten schnellstmöglich zu betreuen und ihre Schmerzen zu lindern. Prévot: "Wir haben zwei Tage und drei Nächte lang operiert. Erschwerend war, dass unser Krankenhaus gerade im Umbau war. Es war schwierig, Verletzte nach Bonn zu transportieren. Die Straßen waren wegen Pützchens Markt zu. Am zweiten Tag kamen Ersatzärzte aus Bonn, so dass wir mal eine kleine Ruhepause einlegen konnten."

 
 
Hilfreich war auch die US-Armee. Sie schickte Blutkonserven vom Frankfurter Flughafen los. "Hubschrauber landeten damit auf dem Parkplatz des Lemmerzbades. Auch die Polizei war sehr bemüht." Der Regierungspräsident eilte an den Drachenfels, der Ministerpräsident ließ sich unterrichten.

Die Ursache des Unglücks wurde untersucht: Wegen zu geringen Drucks auf den Kessel konnte die Geschwindigkeit nicht verringert werden. Nachdem deshalb die Notbremse gezogen wurde, riss sich die Bahn los, sprang aus den Schienen und prallte gegen ein Hindernis, so die Erklärung für das schreckliche Geschehen.

"Heute werden die Fahrzeuge dreifach abgebremst. Die Fahrzeuge sind topsicher", so Werner Monschau. Das Unglück holte ihn auch später immer wieder ein, vor allem in seinen Träumen.

Als vor wenigen Wochen die Drachenfelsbahn ihr 125-jähriges Bestehen feierte, da erinnerte auch Dieter Streve-Mülhens sen. von der Aktionärsfamilie der Bergbahnen im Siebengebirge AG an diese bitteren Stunden, als er mit seiner Mutter im Krankenhaus von Bett zu Bett ging und die Verletzten besuchte. Damals trauerte ganz Königswinter.
Bericht von Roswitha Oschmann, GA-Bonn vom 13.09.2008. Repros: Holger Handt
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